LF5: Axel Krommer – TÜV – Ist seine Pädagogik für die Kultur der Digitalität fahrtauglich?

Axel Krommer beschäftigt sich in seinem Vortrag „Pädagogik mit Technik“ mit der Frage, wie Lernen und Bildung unter den Bedingungen der Digitalität verstanden werden müssen. Für ihn reicht es nicht aus, lediglich zu untersuchen, welche digitalen Geräte den Unterricht verbessern könnten. Stattdessen müsse betrachtet werden, wie Medien unsere Vorstellungen von Lernen, Wissen und Kommunikation prägen (Krommer 2021, 34:25–35:10).

Zunächst kritisiert Krommer den verbreiteten Grundsatz „Pädagogik vor Technik“. Die Aussage, Technik müsse dem Menschen dienen, sei zwar richtig, aber selbstverständlich. Problematischer sei die Vorstellung, Pädagogik habe bisher unabhängig von Technik stattgefunden. Auch Handschrift, Buchdruck, Tafel und Papier seien Technologien. Wer ausschließlich digitale Medien als Technik wahrnehme, erkläre die vertraute Buch- und Schriftkultur unbemerkt zum natürlichen Normalzustand (Krommer 2021, 35:17–37:32).

Daran schließt seine Kritik am „digitalen Dualismus“ an. Präsenz und analoge Medien würden häufig mit dem „echten“ Leben verbunden, während digitale Kommunikation als bloß virtuell oder weniger wertvoll erscheine. Während der Pandemie sei Präsenzunterricht deshalb teilweise romantisiert worden. Hinter dem Wunsch nach Präsenz könne außerdem der Wunsch stehen, die Lernenden besser kontrollieren zu können (Krommer 2021, 37:57–40:56).

Eine weitere Hauptaussage lautet, dass Medien keine neutralen und beliebig austauschbaren Werkzeuge sind. Ein Schreibprogramm ermöglicht beispielsweise das Verschieben, Löschen und gemeinsame Bearbeiten von Text. Dadurch verändert es nicht nur das verwendete Gerät, sondern auch den Schreibprozess. Krommer kritisiert deshalb die Frage, welchen „Mehrwert“ digitale Medien gegenüber Papier besitzen. Auch das SAMR-Modell bewertet er kritisch, weil es von einer stufenweisen Verbesserung durch digitale Medien ausgeht (Krommer 2021, 41:08–44:28).

Krommer widerspricht außerdem der Aussage, Lernen bleibe unabhängig von gesellschaftlichen Veränderungen immer gleich. Die biologischen Vorgänge im Gehirn mögen ähnlich bleiben, doch die kulturellen Bedingungen des Lernens verändern sich. In einer Kultur der Digitalität entstehen beispielsweise soziales Lesen, kollaboratives Schreiben, neue Feedbackmöglichkeiten und andere Formen der Zusammenarbeit (Krommer 2021, 44:31–55:01). Damit knüpft er ausdrücklich an Felix Stalder an. Stalder beschreibt Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität als zentrale Formen der Kultur der Digitalität (Stalder 2016, S. 95–96).

Krommers „Flatland“-Beispiel veranschaulicht diesen Perspektivwechsel: Wer nur zwei Dimensionen kennt, kann sich eine dritte nicht vorstellen und erkennt deshalb auch ihren „Mehrwert“ nicht. Ähnlich könnten traditionelle Vorstellungen von Unterricht verhindern, dass neue Lernmöglichkeiten überhaupt wahrgenommen werden. Die Pandemie habe viele Lehrkräfte unfreiwillig aus ihren vertrauten Strukturen herausgerissen (Krommer 2021, 50:39–56:11).

Mein Prüfbericht: Krommers grundlegende Argumentation überzeugt mich. Digitale Medien sollten nicht nur verwendet werden, um alten Unterricht moderner aussehen zu lassen. Sie können Lern-, Schreib- und Kommunikationsprozesse tatsächlich verändern. Trotzdem erhält der Vortrag keine mängelfreie Plakette. Krommers Technikbegriff ist so weit gefasst, dass seine Aussage, Pädagogik sei immer technisch gewesen, beinahe selbst selbstverständlich wird. Außerdem zeigen seine Beispiele aus Twitter interessante Möglichkeiten, beweisen aber nicht, dass diese überall funktionieren. Dieser mögliche „Survivorship Bias“ wird auch in der anschließenden Diskussion angesprochen (68:50–70:00). Fragen der Ausstattung, der Qualifizierung von Lehrkräften und der Bildungsgerechtigkeit bleiben ebenfalls relativ knapp.

Mein Urteil lautet daher: bestanden mit Hinweisen. Krommer liefert einen überzeugenden Perspektivwechsel vom einzelnen Gerät zur gesamten Lernkultur. Für die schulische Praxis muss diese theoretische Perspektive jedoch durch passende Rahmenbedingungen und eine kritische Prüfung konkreter Unterrichtssituationen ergänzt werden.

Quellen

  • digitalisierung.education (2021): Symposium 5 | #01 | Zeitgemäße Bildung. YouTube, 28.01.2021.
    https://www.youtube.com/watch?v=vJagauIitc0
  • Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp, besonders S. 95–96.

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