LF4b- Bildung unter Einfluss? Frau Waibel in der Kultur der Digitalität

Das Instagram Profil @frau_waibel (https://www.instagram.com/frau_waibel/) wurde hier in Form einer digitalen Fallakte untersucht. Im Mittelpunkt stehen ein Reel aus dem Jahr 2023, ein Beitrag aus dem Jahr 2025 und eine Buchankündigung aus dem Jahr 2026. Die Analyse knüpft an den LF1-Blogbeitrag und Felix Stalders Verständnis der Kultur der Digitalität an. Stalder beschreibt Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität als zentrale kulturelle Formen digital geprägter Gesellschaften (vgl. Stalder 2016, S. 95–97, 129–131 und 164–166).

Referentialität zeigt sich besonders deutlich im Reel „Mein schrecklicher Alltag mit den Paschas“. Frau Waibel greift darin eine politische Aussage von Friedrich Merz, einen Ausschnitt aus einer Fernsehsendung und einen gekennzeichneten Textbezug auf. Durch die ironische Verbindung mit Szenen aus dem Schulalltag entsteht ein digitales Gegenbild zur pauschalen Darstellung migrantischer Schüler*innen (vgl. Instagram-Post vom 12.01.2023). Damit entspricht der Beitrag Stalders Verständnis von Referentialität: Bereits vorhandenes und mit Bedeutung versehenes Material wird ausgewählt, verändert und in einen neuen Zusammenhang gestellt (vgl. Stalder 2016, S. 96–97). Nach Angaben von Eva Hoffmann erreichte das Reel fast drei Millionen Aufrufe (vgl. Hoffmann 2025).

Auch der Beitrag über familiäre Belastungen von Schüler*innen arbeitet referentiell. Frau Waibel übernimmt ein nach eigener Angabe bei @fluter gesehenes Beispiel und verbindet es mit ihren Erfahrungen als Trennungskind. Dadurch wird ein bereits vorhandener Inhalt biografisch neu gerahmt und zum Ausgangspunkt für Kritik an vorschnellen schulischen Urteilen (vgl. Instagram-Post vom 09.04.2025; Stalder 2016, S. 96–97).

Gemeinschaftlichkeit entsteht nach Stalder dadurch, dass Bedeutung und Handlungsfähigkeit im Austausch mit anderen erzeugt, stabilisiert und verändert werden (vgl. Stalder 2016, S. 129–131). Auf Instagram zeigt sich dies durch Likes, Kommentare, Reposts und geteilte Erfahrungen. Sie tragen dazu bei, dass aus einzelnen Beiträgen öffentliche Bildungsdebatten entstehen. Diese Gemeinschaftlichkeit besitzt jedoch auch eine problematische Seite. In einem Interview berichtet Frau Waibel von Shitstorms, persönlichen Anfeindungen, der Weitergabe ihres Wohnortes und belästigenden E-Mails (vgl. von Lenthe 2025).

Algorithmizität betrifft die Bedingungen, unter denen Beiträge sichtbar werden. Stalder bezeichnet damit kulturelle Prozesse, bei denen maschinelle Systeme große Informationsmengen filtern, sortieren und für Menschen wahrnehmbar machen (vgl. Stalder 2016, S. 164–166). Meta erklärt, dass Inhalte im Instagram-Feed und im Reels-Bereich mithilfe automatisierter Systeme ausgewählt und geordnet werden (vgl. Meta: Feed RecommendationsMeta: Reels Chaining). Welche konkrete Rolle diese Systeme bei der Reichweite eines einzelnen Beitrags spielen, lässt sich von außen jedoch nicht nachweisen. Deshalb wird hier nicht behauptet, der Algorithmus habe Frau Waibels Beiträge allein „viral gemacht“.

Insgesamt bewerte ich Frau Waibels Wirken überwiegend positiv. Ihre klare politische Haltung halte ich für notwendig. Das Deutsche Institut für Menschenrechte stellt heraus, dass politische Bildung nicht wertneutral ist. Lehrkräfte dürfen rassistische, menschenfeindliche oder rechtsextreme Positionen nicht unkommentiert stehen lassen, sondern müssen sie sachlich und auf Grundlage demokratischer sowie menschenrechtlicher Werte einordnen (vgl. Cremer 2019, S. 5, 9 und 19–22DIMR 2024). Gleichzeitig gelten die Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses: das Überwältigungsverbot, das Kontroversitätsgebot und die Orientierung an den Interessen der Schüler*innen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2011).

Die Mischung aus Bildungsinhalten und inszenierter Selbstdarstellung kann dazu beitragen, komplexe Themen für ein jüngeres und größeres Publikum zugänglich zu machen. Zugleich vermischen sich Bildungsarbeit und persönliche Marke. Besonders sichtbar wird dies durch die Hinweise auf ihr Management und den Verkauf von Produkten im Instagram-Profil sowie durch die Bewerbung ihres angekündigten Buches „Schule, aber stabil“ (vgl. Instagram-ProfilInstagram-Post vom 09.04.2026). Laut Produkt- und Autorinnenseite des EMF-Verlags erscheint das Buch am 1. September 2026. Der Verlag beschreibt es als Debattenbuch über diskriminierungskritische Bildung, Demokratiebildung und schulische Chancengleichheit (vgl. EMF Verlag 2026). Die Buchveröffentlichung bewerte ich dennoch als legitime Erweiterung ihrer Bildungsarbeit.

Ich kannte Frau Waibel bereits vor dieser Untersuchung und habe ihre Beiträge häufig selbst geliked, obwohl ich ihr nicht folge. Diese persönliche Vorerfahrung fließt in meine Bewertung ein, ersetzt jedoch nicht die theorie- und quellenbasierte Analyse ihres digitalen Wirkens.

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