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WLF3: Wahl einer eigenen Aufgabe zum Seminarkontext

Konzepte für zeitgemäßes Lernen, Kollaborationen und neue Kompetenzen füllen ganze Fachbücher. Im Schulalltag scheitert der Wandel jedoch oft an den ganz pragmatischen Hürden. Ein Klassiker hierbei: die Gruppenarbeit. Wer arbeitet mit wem? Wie verhindert man die altbekannte Grüppchenbildung? Und wie kann man Gruppen schaffen, in denen jeder sein Potenzial entfalten kann? Echte Transformation passiert an den Stellschrauben, wo Theorie zur Praxis wird. Mit GroupCluster hat ein Entwickler eine Webapp geschaffen, die die Gruppenzusammenstellung besonders intelligent macht. Wir haben nachgefragt: Wie bringt man digitale Innovation pragamtisch ins Klassenzimmer?

Lara: Hallo zusammen! Ich bin Lara und Teil des Easy Delta-Blogs. Heute habe ich jemanden zu Gast, der seine selbstgestaltete Webapp im Rahmen des Themas „Transformation von Schule“ präsentiert. Möchtest du dich einmal selbst vorstellen?

Dominik: Hallo, mein Name ist Dominik Höltgen und ich bin Lehrer für Mathematik und Informatik an einem Gymnasium in NRW. Einer meiner Leidenschaften ist das Programmieren von Webapps. Und ich habe unter anderem GroupCluster entwickelt.

Lara: Was Groupcluster genau ist, und wie es den Schulalltag verändern kann, darüber wollen wir gleich noch genauer sprechen. Jetzt erst einmal eine Einstiegsfrage für dich – Warum braucht Schule heute eine digitale Transformation?

Dominik: Digitale Hilfsmittel haben auf der ganzen Welt bereits Abläufe vereinfacht und effizienter gestaltet. Das ist in den Schulen Deutschlands nur teilweise und nicht einheitlich geschehen. Es gibt viel Potenzial und das wird nicht nur dadurch erreicht, dass über begrenzte Zeit Geld zur Verfügung gestellt wird.

Lara: Wie kamst du überhaupt dazu, dich mit Gruppenbildungen zu beschäftigen?

Dominik: Während ich GroupCluster entwickelt habe, habe ich noch studiert und als Vertretungslehrer für Informatik an einem Gymnasium gearbeitet. Dabei ging es viel um Projektarbeiten in Gruppen. In dem Zusammenhang hat mich interessiert, ob es möglicherweise eine wissenschaftlich gestützte sinnvolle Art gibt Gruppen zusammenzusetzen.

Lara: Schauen wir einmal auf den Status Quo – Wie werden Gruppen im heutigen Unterricht meistens gebildet und warum ist das vielleicht nicht ideal?

Dominik: Klassischerweise werden Lerngruppen randomisiert zusammengesetzt, bspw. mithilfe von gemischten Karten oder durch Durchzählen, oder die Lernenden gruppieren sich eigenständig. Meine Literaturrecherche hat ergeben, dass beides keine Vorteile bietet.

Lara: Und was hat dich dann dazu motiviert, GroupCluster zu entwickeln?

Dominik: Bei zufälligen Gruppen ist es nicht verwunderlich, dass keine Vorteile entstehen. Bei komplexeren Ansätzen werden oft Berechnungen nötig, die mithilfe einer WebApp vereinfacht und automatisiert werden können.

Lara: Welches Persönlichkeitsmodell benutzt du für Groupcluster und warum?

Dominik: Es gibt bspw. Belbin, MBTI (16 Personalities) und andere Modelle, die in diesem Bereich bekannt sind. Diese gelten allerdings nach heutigem Stand der Psychometrie als Pseudo-Wissenschaft. Ich benutze das Big-Five-Modell. Es basiert auf dem zeitgemäßen Paradigma der lexikalischen Dimensionsreduktion. Das bedeutet, dass Persönlichkeitseigenschaften gesucht werden, die nichts miteinander zu tun haben, sodass sie mathematisch als Dimension aufgefasst werden können. Für jede Dimension gibt es einen Zahlenwert. Also kann bspw. jemand bei der Dimension Offenheit einen Wert von 2 oder von 5 haben. Dadurch entsteht eine Metrik, sodass sich sagen lässt, dass eine Person offener ist als eine andere. Das gilt für alle fünf Dimensionen. Ein Persönlichkeitsmodell ist dann ein Punkt in einem 5-dimensionalen Raum. Auch in einem solchen Raum lässt sich der Abstand zwischen zwei Punkten berechnen. Durch diesen Abstand entsteht ein Wert, welcher für die Unterschiedlichkeit zweier Persönlichkeiten steht. Umso größer die Abstände untereinander in einer Gruppe desto heterogener und je kleiner, desto homogener sind die Gruppen. Damit lässt sich ein Algorithmus erzeugen, um homogene und heterogene Lerngruppen zu erzeugen.

Lara: Ah, ja! Und warum ist die Persönlichkeit einzubeziehen besser als eine zufällige Zusammensetzung oder die freie Wahl durch die Schülerinnen und Schüler?

Dominik: In der freien Wirtschaft gibt es den Ansatz, dass Persönlichkeitsmerkmale einbezogen werden können, um Teams zusammenzusetzen und ich dachte, dass das auf die Schule übertragen werden könnte. Studien haben ergeben, dass heterogene Lerngruppen bzgl. der Persönlichkeit zu mehr Toleranz führen. Das ist vielleicht nicht direkt ein Vorteil für das Lernziel, aber eben schon für den langfristigen Erziehungsauftrag. In der freien Wirtschaft werden außerdem auch eher heterogene Teams gebildet, sodass Stärken in das Team eingebracht werden können. Zum Erreichen des Lernziels ist es dann auch sinnvoll, wenn davon ausgegangen wird, dass verschiedene Persönlichkeiten auch verschiedene Stärken haben.

Lara: Wie spannend! Angenommen, die Leserinnen und Leser möchten Groupcluster benutzen – Wie können sie das tun?

Dominik: Auf der Webseite kann über den Link Raum ein Raum erstellt werden. Die Lernenden können dann über einen Raum-Code oder über einen QR-Code mit einem browserfähigen Gerät in den Raum beitreten. Die Person, die den Raum erstellt hat, kann dann einen Persönlichkeitstest auswählen, woraus dann die Persönlichkeitsprofile erstellt werden. Die Lernenden beantworten dann Fragen und aus diesen Antworten werden dann die Profile berechnet. Damit werden dann statistische Methoden angewendet, um sogenannte Cluster zu erzeugen. Das sind zunächst quasi sehr homogene Gruppierungen, bei denen die Abstände zwischen den Profilen eher klein sind. Anschließend lässt sich auswählen, ob daraus eher heterogene oder homogene Gruppen gebildet werden sollen. Sobald das getan wurde, erhalten die Lernenden die Information darüber in welcher Gruppe sie nun sind.

Lara: Wenn andere Lehrkräfte die Namen ihrer Schülerinnen und Schüler oder andere sensible Daten eingeben, folgt daraus ja immer die Frage nach dem Datenschutz. Wie wird bei GroupCluster der Datenschutz gewährleistet?

Dominik: Die eingegebenen Namen können Pseudonyme oder lediglich die Vornamen sein. So ließen sich die Daten nicht eindeutig zuordnen. Das würde ich sicherheitshalber empfehlen, da die Daten für einige Stunden mit der Session auf dem Server zwischengespeichert werden. Das wird gemacht, damit der Test nicht wiederholt werden muss, wenn mal der Browser abstürzt. Es gibt aber auch das Versprechen meinerseits, dass diese Daten nicht langfristig gespeichert und auch nicht weitergegeben werden.

Lara: Eine App alleine verändert die Schule natürlich noch nicht. Welchen Beitrag kann GroupCluster aber dazu leisten?

Dominik: Die Persönlichkeit einzubeziehen wäre mit ausgedruckten Tests, die manuell ausgewertet werden müssten, zu aufwendig. Mit GroupCluster kann sowas in fünf Minuten geschehen. Es ist eine von vielen Chancen, die für die Schule zur Verfügung stünden, wenn sie evtl. auch vom Bund oder den Ländern verfolgt würden. Dieses Projekt alleine ist vielleicht nicht sonderlich verändernd, aber in Summe kann das viel bewirken.

Lara: Hast du GroupCluster schon deinem Kollegium vorgestellt und haben die das bereits genutzt?

Dominik: Ich habe es mal vereinzelnd erwähnt und es wurde sehr interessiert angenommen. Ob es dann aber bereits genutzt wurde, kann ich leider nicht sagen.

Lara: Du als Informatiklehrer – Wie könnte das Klassenzimmer in zehn Jahren aussehen und welche Rolle werden KI und digitale Tools darin spielen?

Dominik: Digitale Tools sind schon heute sinnvoll nutzbar. Bspw. bei Simulationen und interaktiven Lernanwendungen. KI kann auch für individuelles Feedback für die Lernenden eingesetzt werden. Das passiert im kommerziellen Rahmen schon jetzt. Die Technologie hinter KI ermöglicht theoretisch aber auch das Erkennen von Lernenden und wie sehr sie sich beteiligen. Dadurch ließe sich das Unterrichtsgeschehen protokollieren sowie evaluieren und z.B. die mündliche Beteiligung deutlich objektiver erfassen, als das eine Lehrkraft während des Unterrichts könnte. Die Möglichkeiten sind groß. Es hängt vorwiegend vom gesellschaftlichen und politischen Willen ab. In Deutschland gibt es jedoch einen Fluch und Segen zugleich: den Datenschutz. Dieser bremst Innovation aus, aber schützt das Individuum. Es wäre wichtig, dass man von den Debatten auch ins Handeln kommt.

Lara: Zum Schluss noch eine kurze Blitzrunde. Bitte antworte immer möglichst kurz. Wenn man keine Zeit für Groupcluster hat, was ist im Zweifel besser: Zufallsbasierte Gruppen oder Wunschgruppen der Schülerinnen und Schüler?

Dominik: Das kommt auf die Lerngruppe an. Das kann man nicht pauschal beantworten, weil beides Vor- und Nachteile hat.

Lara: Welche Dimension der Persönlichkeitsmerkmale ist besonders wichtig?

Dominik: Laut Studienlage vor allem Gewissenhaftigkeit und Extraversion.

Lara: Man kann bei GroupCluster wählen, ob man möglichst hetero- oder homogene Gruppen generieren möchte. Was würdest du empfehlen?

Dominik: Das kommt auf den Zweck an, aber meistens sind heterogene Gruppen sinnvoller. Wenn man aber einfach nur will, dass sich die Gruppenmitglieder untereinander nicht streiten, sind homogene Gruppen besser.

Lara: Was war dein wichtigstes Learning aus dem Projekt?

Dominik: Dass anhand der Persönlichkeitsprofile Tendenzen aufgedeckt werden können, in welcher Gruppe Konflikte entstehen und wer dafür wahrscheinlich verantwortlich gemacht wird. Also dass nach Durchführung solcher Tests möglicherweise schon viel über eine Lerngruppe bekannt sein kann, ohne sie kennengelernt zu haben.

Lara: Eine Quelle, die jede Lehrkraft zu diesem Thema kennen sollte?

Dominik: „Persönlichkeitspsychologie“ von John F. Rauthmann wäre für einen guten Überblick nicht schlecht. Wenn es aber hinreichend digitale Tools hierfür gäbe, müsste man sich als Lehrkraft eigentlich nicht individuell einlesen.

Lara: Vielen Dank für dieses Interview! Die Masterthesis von Dominik sowie weitere nützliche Quellen findet ihr unten. Solltet ihr Groupcluster in euren Klassen ausprobieren wollen, findet ihr unten den Link dazu. Falls ihr es ausprobiert, schreibt euer Feedback gerne in die Kommentare!

  • Budde, J., & Weuster, N. (2018). Erziehungswissenschaftliche Studien zu schulischer Persönlichkeitsbildung. Springer Fachmedien Wiesbaden.
  • GroupCluster – Clustergruppierung. https://groupcluster.com/
  • Höltgen, Dominik (2021). Zur Relevanz von Persönlichkeitsmerkmalen im Rahmen von Gruppierung im Unterricht. Research Gate. DOI: 10.13140/RG.2.2.22142.87361
  • Kupper, K., Krampen, D., Rammstedt, B., & Rohrmann, S. (2019). Kurzversion des big five inventory für Kinder und Jugendliche (BFI-K KJ). Diagnostica.
  • Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen–Strömungen–Theorien. Springer-Verlag.